consolewars

Einloggen

Du bist noch nicht bei consolewars registriert? Dann erstelle
jetzt ein Benutzerkonto!

Sea of Solitude - Review

Montag, 05. August 2019 um 17:46 von needcoffee


Themen wie Depressionen, physische Erkrankungen oder schlicht Einsamkeit werden in Games selten im Rahmen der Hauptstory thematisiert. Hellblade: Senua's Sacrifice hat aber eindrucksvoll gezeigt, dass sich ein Spiel auch solcher Aspekte annehmen kann und hat die Thematik in der Gaming-Szene mehr in den Vordergrund gebracht. Das deutsche Entwicklerstudio Jo-Mei mit Sitz in Berlin hat das Potenzial erkannt und will mit Sea of Solitude einen ähnlichen Weg gehen. Ob das Game schlussendlich überzeugen und mehr Leute auf das Thema sensibilisieren kann, wird dieses Review zeigen.

Bei Sea of Solitude schlüpft man in die Rolle von Kay, die sich am Anfang völlig orientierungslos auf einem Boot befindet und von Dunkelheit sowie Wasser umgeben ist. Diese Dunkelheit währt allerdings nicht lange: Ein kleines Mädchen mit gelben Regenmantel bringt euch die Fähigkeit eine Leuchtrakete abzufeuern bei, die einerseits den Weg zum nächsten Ziel aufzeigt, aber auch kurzfristig die Umgebung aufhellt. Kurze Zeit später wird die komplette Umgebung wortwörtlich „abgespült“, sodass die Umrisse der Stadt - sollen eine Art "Neo-Berlin" zeigen - hervorgehoben werden und Kay sich frei herumbewegen kann. Das Wechselspiel zwischen Helligkeit mit knalligen und hellen Farbentönen sowie der Dunkelheit mit ihren dunkleren Farbtönen macht einiges her - grafisch überzeugt das Game bereits zu Anfang. Schon in der Anfangsszene werden einem beide Farbversionen von Sea of Solitude beeindruckend vermittelt. Dabei verschwimmen die Farben immer wieder ineinander und erzeugen so eine grafische Oberfläche, die leicht an Pastellmalerei erinnert.



Will man dauerhaft für Helligkeit in der Welt sorgen, so muss man die sogenannte „Verderbnis“ aufsammeln. Dieses wird sozusagen aufgesaugt und findet dann im Rucksack von Kay ihren Platz. Nach und nach muss man auch „Korruption“ beseitigen, die im Spiel ihrerseits mit den Monstern verbunden ist. Hierbei muss Kay einen hellen Strahl samt „Geschrei“ (Ja, Kay schreit dann auf!) auf die dunklen Monster richten und sorgt somit für Platz, der Weg ist dann frei, und Ordnung, das Monster zieht sich zurück. Kleineren Monster hingegen müsst ihr zunächst geschickt ausweichen, um diese später ins Licht zu locken; direkte Kampfhandlungen kann Kay nämlich im Spiel nicht durchführen. Stirbt Kay in so einer Szene, so startet man wieder an einem fair gesetzten Checkpoint und kann erneut sein Glück versuchen.


Die Konfrontation zwischen Kay und den Monstern lässt euch oft aufgrund der dichten Atmosphäre schreckhaft zusammenzucken: Wenn man beispielsweise in einer Sequenz von Plattform zu Plattform schwimmen und springen muss und das Monster wortwörtlich im Nacken sitzt, so passen sich sowohl die Musik als auch die Farben durch ihren abrupten Wechsel an. Sehr gut umgesetzt! Auch passieren diese Farbwechsel verhältnismäßig oft und finden ziemlich plötzlich statt, sodass eine noch höhere Immersion in die Spielwelt erzeugt werden kann und das Grafikdesign seine Stärke zeigt.

Zu einer guten Atmosphäre gehört aber auch eine gelungene Sprachausgabe, doch hierbei muss das Game Federn lassen. So kommt das Game nämlich ohne deutsche Sprachausgabe - Sea of Solitude bietet lediglich eine englische Sprachausgabe gepaart mit deutsche Untertitel. Warum das Entwicklerstudio diesen Schritt gegangen ist, ist nicht bekannt. Kurios ist aber die Tatsache, dass die Synchronsprecherinnen spürbar Englisch mit deutschem Akzent sprechen. Es geht aber auch anders: Das ebenfalls deutsche Produktionsunternehmen und Entwicklerstudio bildundtonfabrik hat bei Trüberbrook sowohl für deutsche als auch für englische Sprachausgabe gesorgt. Auch wenn man natürlicherweise mit englischer Sprache mehr Leute in der Gaming-Szene erreichen kann, so hätte man sich besonders aus der Hauptstadt eine entsprechende deutsche Sprachausgabe gewünscht. Schade!

Der Schein kann trügen: Zwar sieht die Welt einigermaßen groß aus und man kann dank hoher begehbare Gebäudetürmen auch überzeugen, dennoch ist Sea of Solitude kein Open World-Spiel und begrenzt die Lauf- und Interaktionsfreiheit auf kleinere Areale. Diese erkundet Kay mit Laufen/Rennen, Klettern, Springen und Schwimmen. Oft versperren aber Gitter die freie Erkundungstour; sie zwingen Spieler somit auf einem eher linearen Weg das nächste Ziel aufzusuchen und die Korruption/Verderbnis in der Spielwelt zu beseitigen. Auch einige kleinere Rätseln müssen im Laufe der Geschichte gelöst werden. Diese sind sehr passend in die Spielwelt eingebaut und fordern ein wenig Geschicklichkeit sowie Hirnschmalz, erfahrene Spieler werden allerdings unterfordert sein. In der Welt verstreute Flaschenposten mit Flaschenbriefen lockern das Gameplay ein wenig auf und geben Infos zur Hintergrundgeschichte der Welt.





Ebenfalls auflockernd und doch mit ernsten Themen ausgestattet, wird die Geschichte bei Sea of Solitude mit Zwischensequenzen erzählt: Einerseits werden die großen Monster thematisiert, denen Kay im Spiel begegnet, anderseits die Erinnerungen an Kays verschiedenartige Beziehungen. Dabei tauchen immer wieder Begriffe wie Gewalt, Depressionen, Liebe aber auch Egoismus sowie Selbsthass auf. Diese Sequenzen ermöglichen Kay mehr über sich selber zu erfahren, aber auch wie Außenstehende, Freunde und Familie zu den Themen stehen, beziehungsweise wie diese im Verhältnis zu Kay darauf reagieren.

Ziemlich beeindruckend wird beispielsweise das Thema Mobbing im Game thematisiert: So betritt Kay in einer Szene ein Gebäude, in dem sich zuvor ein Rabe, einer der Kreaturen im Game, niedergelassen hat. Im Gebäudeinneren ziehen mehrere Kinder ein anderes Kind gezielt auf. Kay nimmt diese Szenen spürbar mit, um am Ende herauszufinden, dass der eigene Bruder eine wesentliche Rolle spielt. Man spürt dabei Selbstzweifel und Mitleid in den Dialogen heraus, die zudem eine emotionale Tiefe zeigen. Die Monologe von Kay ergänzen dabei die Szene. Diese Symbolik zieht sich durch das gesamte Spiel und zwingt Kay ihre bisherigen familiären sowie freundschaftlichen Beziehungen nocheinmal zu durchleben. Je weiter man in die Geschichte eindringt, desto mehr verdrängte Erinnerungen von Kay werden enthüllt - eine durchaus spannende Entwicklung, für die man sich Zeit nehmen sollte. Versucht man nämlich durch das Spiel zu hetzen, verliert man hier und da etliche wichtige Eindrücke. Mein Tipp: Nehmt euch Zeit für das Game!

Auch technisch kann Sea of Solitude überzeugen: Das Game läuft auf der getesteten Xbox One X einwandfrei. Hier und da justiert die Kamera in einigen Momenten „falsch“,  das lässt sich aber ohne Probleme korrigieren. Die Steuerung ist präzise und stellt kein Hindernis auf eurem Abenteuer dar. Weder Abstürze noch andere Probleme technischer Natur sind zu vermerken.

Das Game wurde mir per Reviewcode vom Entwickler Jo-Mei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Pro:

+ Spielumgebung, Charaktere und Endbosse liebevoll gestaltet
+ Passende Inszenierung der Geschichte
+ Gut umgesetzte Atmosphäre
+ Läuft technisch einwandfrei

Contra:

- Recht kurze Spielzeit
- Schwierigkeitsgrad eher niedrig angesetzt
- Eher geringer Wiederspielwert
- Keine deutsche Sprachausgabe

Das Gefühlsmonster schlägt zu ...

Mit Sea of Solitude hat das Entwicklerstudio Jo-Mei ein solides, kleines, aber feines Game rausgebracht. Sowohl die Grafik mit ihrem Wechselspiel der Farben, als auch die Atmosphäre wurden gut umgesetzt. Auch der Artstyle der Monster und der Hauptcharakterin Kay passen gut zum Spiel. Die Geschichte um Kay folgt einer logischen Idee, die durchaus aussagekräftig ist und emotionale Tiefe bietet. Sie dient dabei nicht zur Belehrung, erzeugt Immersion und ruft persönliche Erfahrungen des Spielers an ähnlich erlebte Situationen hervor.

Wer über das Fehlen einer deutschen Sprachausgabe, die relativ kurzen Spielzeit und das stark vereinfachte Gameplay hinwegschauen kann, wird mit Sea of Solitude seinen Spaß haben. Gerade für einen Preis von 20 Euro ist das Game recht günstig erwerbbar.

X

Liebe Leute, wie ihr wisst, benutzen alle Webseiten Cookies um Daten von Euch zu speichern. Andere speichern ziemlich viel, wir aber benutzen die Cookies nur, um euren Login zu speichern, und speichern wie lang ihr auf CW wart (für die Achievements). Durch das Benutzen unserer Webseite akzeptiert Ihr unser Cookiemanagement.